Redebeitrag von Evelyn Deller

Am 8. März kriege ich in der Regel Glückwünsche und Aufmerksamkeiten von meiner Familie. Sie sind mit der Tradition aufgewachsen, Frauen an diesem Tag Blumen zu geben. Von meiner Oma kriege ich stattdessen Geld. Als schwerbehinderte Frau, deren früheste Erinnerungen aus der Flucht aus Odesa bestehen, nachdem Nazis und rumänische Kollaborateure ihre Heimat angegriffen haben, kann sie hier in Deutschland nichts mehr für ihr Taschengeld tun. Sie hat ihr Leben lang gearbeitet, selbst als sie mit über 60 Jahren als Kontingentgeflüchtete nach Deutschland kam, und gerade das hat sie krank gemacht, ihr körperliche Schmerzen zugefügt, gegen die sich nichts machen lässt. Ihren Job haben viele Frauen in ihrer Heimat in der Ukraine gemacht.

Nun ist Deutschland ihre Heimat, auch wenn sie in einer Parallelwelt zur deutschen Gesellschaft lebt. Sie geht in den so-genannten „Kindergarten“. Damit meint sie einen Seniorentreff. Eine Gruppe alter Menschen, allesamt aus der Sowjetunion, kommen mehrfach die Woche zusammen, werden betreut und verbringen miteinander Zeit. Seitdem meine Oma dahin geht, ist sie aufgeblüht. Senior*innen sind eh einsam, doch migrantische Senior*innen haben mehr Schwierigkeiten, um dagegen anzukämpfen. Viele können auch nach 30 Jahren nicht gut genug deutsch sprechen, sie sind kein integrierter Teil der deutschen Gesellschaft. Deshalb sind sie unsichtbar. Sie sind darauf angewiesen, andere Kontingentgeflüchtete oder Russlanddeutsche zu treffen. Und für diese Vernetzungen braucht es Initiativen.

Diese bietet ihnen nicht der Staat, dabei sollte dieser am besten wissen, wie notwendig die Hilfe ist. Laut einem Factsheet des ZWST, also der Zentralen Wohlfahrtstelle, der Juden in Deutschland aus dem Jahr 2022, sind 93% der jüdischen Zuwander*innen im Rentenalter auf Grundsicherung angewiesen. Das ist nicht normal, denn, und das war der Stand damals, nur 2,4% der deutschen Rentner*innen auf Sozialleistungen der Grundsicherung angewiesen sind. Die größte armutsbetroffene Gruppe im Rentenalter sind also jüdische Kontingentgeflüchtete. Und helfen will der Staat gerade ihnen trotzdem nicht, zumindest nicht genug: jüngst wurden der NGO Bundesverband für NS-Verfolgte die Förderung komplett gestrichen. Zum zweiten Mal.

Das trifft die NS-Überlebenden, für die die Ehrenamtlichen soziale Teilhabe ermöglicht haben, bzw. noch ermöglichen. Rechte Parteien haben dafür die Weichen gestellt.
Zivilgesellschaftliches Engagement ist leider notwendig, um NS-Überlebenden zu helfen, weil der Staat selbst nicht die Strukturen dafür bereitstellt. Dabei ist es vollkommen logisch, dass Menschen wie meine Oma hier in Armut leben. Auch wenn sie stets gearbeitet haben. Sie haben keine Rentenansprüche aus ihrer Arbeit in der UdSSR, die sie in Deutschland geltend machen könnten. Viele Abschlüsse wurden außerdem nach der Übersiedlung nicht anerkannt. Um sich beruflich neu auszurichten, mussten Migrant*innen im hohen Alter die Sprachbarriere überwinden, was für viele unmöglich war. Deshalb machten sie die Jobs, die die Deutschen nicht machen wollten und haben sich für harte körperliche Arbeit und niedrigen Lohn ausbeuten lassen. Mal wieder.

Viele Biografien sind auch von Zwangsarbeit im deutschen Reich durchzogen, oder von Aufenthalten in Gulags. Unter uns leben Menschen, die Stalins Genozid durch Hunger, den Holodomor, danach die deutsche Besatzung, danach den sowjetischen Terror überlebt haben – und seit 2022 sind Menschen dazugekommen, die vor Russlands Angriffskrieg flüchteten. Als Frauen trifft sie ein weiterer Faktor, der zu ihrer Marginalisierung beiträgt. Ihr Leben war unter totalitären Regimen von patriarchaler Gewalt geprägt. Es war normal, sich als Frau alles gefallen zu lassen zu müssen, hingegen war es nicht normal, dagegen aufzustehen.

Das Ironische daran: der 8. März war einer von acht gesetzlichen Feiertagen der Sowjetunion. Sie feierten Frauenwahlrecht und angebliche Gleichberechtigung. Dabei war die Sowjetunion keine Demokratie, in der Wahlen etwas hätten bedeuten können, und Gleichberechtigung existierte schon gar nicht. Nachdem die Bedeutung dieses Tages hart erkämpft werden musste, weil die Frauen des zaristischen Russlands keine andere Wahl hatten, als gegen die Verhältnisse zu protestieren, wurde ihnen unter sowjetischer Führung der Tag zum Feiern geschenkt. Sie sollten sich zuhause schick machen, dafür wurden sie mit Blumen und einem für sie kochenden und sich um den Haushalt kümmernden Mann belohnt. Den nächsten Tag waren sie es wieder, die nicht nur lohnarbeiten, sondern auch Care-Arbeit leisten mussten. Die Zustände waren und sind für sie unaushaltbar, dabei haben sie mit die schlimmsten Verbrechen, zu denen die Menschheit fähig war, überlebt. Sie halten aus, weil sie es nicht anders kennen.

Und diese Kontinuität müssen wir endlich durchbrechen. Deshalb stehen wir hier. Unser feministischer Kampf ist inklusiv. Meine Oma weiß nicht, dass ich hier stehe, und erst recht nicht, dass ich jemals auf einer 8. März-Demo über sie reden würde. Ich möchte, dass sie sichtbar wird, damit ihr Wohlergehen und das von den letzten NS-Überlebenden zu einem Ziel unseres Kampfes wird. WIR bestimmen nun die Ausrichtung unserer Kämpfe – und diese sollten über Blumen und leere Worthülsen hinausgehen.