Redebeitrag von Soma M. Assad

Ich möchte heute als Kurdin zu euch sprechen, denn viel zu oft geht die kurdische Perspektive unter. Eine Perspektive, die insbesondere, wenn es um das Gesellschaftmodell in Nordostsyrien – auch bekannt als Rojava – geht, eng verwoben ist mit einer feministischen Perspektive.

Das Gesellschaftmodell in Rojava wurde mit der Losung Jin Jian Azadî/ Frau Leben Freiheit etabliert, vor allem von jungen kurdischen ezidischen Frauen der YPJ, die gegen die Islamisten des sogenannten Islamischen Staats gekämpft und diesen erfolgreich zurückgedrängt haben, mit vielen Opfern. Und aktuell droht, dass diese kurdischen Frauen nochmal Opfer werden.

Anfang diesen Jahres griffen die Islamisten der HTS, die unter dem Befehl vom ehemaligen Al-Kaida Mitglied Jolani stehen die überwiegend kurdisch besiedelten Bezirke Sheix Mexsur und Ashrafeye in Aleppo an. Es war der Beginn des Angriffs auf Kurd:innen und deren feministische Errungenschaften in Rojava. Das feministische Gesellschaftmodell, das auf die Selbstbestimmung der Frau ausgelegt ist, steht im diametralen Gegensatz zu dem, was die HTS-Islamisten unter Jolani mit Unterstützung der Erdogan-Türkei mit militärischer Gewalt in Syrien erzwingen wollen.

Wir sehen in Afrin, das 2018 bereits von den Türkei-unterstützenden Islamisten der Free Syrian Army – wir Kurd:innen nennen sie auch den türkischen IS – besetzt wurde, wie eine Islamisierung vonstatten ging. Kurd:innen, Ezid:innen, Menschen die den sog. IS überlebt haben, wurden enteignet und vertrieben. Jene die sich widersetzt haben wurden geköpft. Frauen sieht man heute kaum noch in der Öffentlichkeit in Afrin und die, die man sieht sind voll verschleiert. Selbsternannte „Sittenwächter“ schikanieren Frauen, wenn sie in deren Augen „anstößig“ gekleidet sind. Doch nicht nur in Rojava, sondern auch im Westen von Syrien, im überwiegend von Alawitinnen bewohnten Latakia, haben die HTS-Islamisten vor nicht einmal einem Jahr Alawiten massakriert, Frauen verschleppt und misshandelt. Vor kurzem wurde von den HTS-Islamisten verordnet, dass Frauen sich nicht schminken dürfen. In Suweyda, im Süden von Syrien, haben HTS-Islamisten ebenfalls ein Massaker verbrochen, Drus:innen wurden erschossen, Frauen misshandelt und verschleppt. Noch immer demonstrieren vor allem Frauen in Suweyda und fragen nach dem Verbleib ihrer verschollenen Männer, Söhne und Töchter.

Im Bezug auf Rojava ist den HTS-Islamisten wichtige politische Inhalte der kurdischen Selbstverwaltung allen voran die Geschlechtergleichstellung, das selbstbestimmte Leben der Frau ein Dorn im Auge. Wir haben gesehen wie unlängst in Tabqa in der Provinz Raqqa, der ehemaligen Hauptstadt des sogenannten Islamischen Staats, die Statue einer kurdischen SDF-Kämpferin nach der Eroberung durch die HTS kaputtgeschlagen wurde und die Islamisten haben sich gefreut – denn eine unverschleierte Frau, die für ihre Rechte einsteht und kämpft ist ihr absolutes Feindbild. Außerdem ging das Video eines HTS-Islamisten viral der den Zopf einer SDF-Kämpferin in die Kamera hielt als weitere Erniedrigung und eindeutiger Ausdruck der sexualisierten Gewalt, den die Islamisten anwenden. Die HTS-Terroristen sind in ihrer ideologischen und bestialischen Vorgehensweise kaum vom sogenannten IS zu unterscheiden. Der Unterschied ist, dass sie vom Westen hofiert werden und die EU ihnen 620 Mio Euro zugesichert hat. Unter Assad haben Minderheiten sehr gelitten viele Kurd:innen hatten nicht einmal Dokumente und waren sozusagen vogelfrei unter dem Regime. Kurd:innen und andere Minderheiten sind überglücklich, dass Assad weg ist.

Die HTS unter Jolani lässt aber von dieser minderheitenfeindlichen, arabisch-nationalistischen Politik Assads nicht ab, sondern hat sie lediglich um die islamistische Komponente ergänzt. Tausende Menschen, Familien, Frauen und Kinder sind auf der Flucht, viele von ihnen nicht zum ersten Mal. Die kurdische Stadt Kobanê war einst Symbol des erfolgreichen Widerstands gegen den sog. IS und ist aktuell von HTS-Islamisten eingekesselt eine humanitäre Katastrophe droht. Doch Kobanê und der kurdische feministische Widerstand von Jin Jiyan Azadî zeigt uns, dass wir die Islamisten schon einmal besiegt haben, und wir werden es wieder tun.

Eine besonders schöne und starke Antwort gegen diese islamistische Gewalt ist das Flechten von Zöpfen von Frauen in den Sozialen Medien als feministischer Protest gegen sexualisierte Gewalt durch die Islamisten und als Zeichen der Solidarität mit den SDF-Kämpferinnen. Der kurdische Frauenzopf und Jin Jiyan Azadî sind emanzipatorische feministische Antworten gegen diese arabisch-nationalistische Islamisierung von Rojava.

Wir können uns das unfassbare Leid, das die Menschen und insbesondere Frauen in Syrien und Rojava durchmachen mussten und müssen nicht vorstellen. Und es ist unsere Aufgabe uns mit ihnen zu solidarisieren, ihre Perspektiven auch hier sichtbar zu machen und den feministischen Widerstand auch hier zu führen. Jin Jiyan Azadî.